Die Biergeschichte

Nicht das Brot stand am Anfang der Sesshaftigkeit der Menschen, sondern das Bier! Und das ist keine Bieridee aus der PR-Abteilung eines der Großen Brauhäuser.

Wir haben es ja schon immer gewusst. Und wenn es noch eine Erklärung für unsere Lust an dem vergorenen Gerstensaft gebraucht hätte, dann ist es diese ultimative Erkenntnis, welche uns der brilliante und streitbare Ökologieprofessor und Evolutionsbiologe aus München, Josef H. Reichholf in seinem erfrischenden und verblüffenden Buch "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" vermittelt.

Noch zur Zeit des nomadisierenden Jagens und Sammelns hatten die Menschen in den Gebieten, in denen es viele Beeren gab, die Gärung kennengelernt und mit der Zeit auch die Entgiftung des Alkohols (wohl durch Verdünnung und Mischung mit Anderem). Dieses Wissen wurde dann auf das Getreide angewandt. Reichholf: "Auch das Getreide wurde zunächst gesammelt, um durch Gärung in Tongefäßen alkoholische Getränke zu erzeugen, die zugleich nahrhaft waren. Die frühen Zeugnisse von Kultstätten und Töpferei bestätigen das ganz zwanglos.

Am Beginn des Sesshafteren stehen noch keine Dörfer, sondern einzelne Kultstätten, wo getrunken wurde."

Diese "Kultstätten" haben in abgewandelter Form bis heute überlebt.

Am Anfang des Ackerbaus und der neolithischen Revolution im stand demnach nicht das Getreide für das Brot als Nahrungsmittel, sondern für das Bier. Reichholf: "Aus dem Wildgetreide entstand ganz allmählich das Kulturgetreide. Hier machten die relativ kleinen Mengen, die zur Verfügung standen und die für die Ernährung gewiss nicht ausreichten, ja durchaus Sinn: Man konnte mit ihnen ein attraktives alkoholhaltiges Luxusgut erzeugen, das Bier. Am Anfang der Kultur steht der Überfluss und nicht der Mangel."

Bier gibt es seit 10'000 Jahren.

Das Bier nicht nur als erstes Luxusgut, sondern als Kulturbringer! Prost.

In der Antike

Bier gehört zu unseren ältesten Erzeugnissen. Seinen Ursprung soll es in Palästina um 8.000 v. Chr. haben; demnach wäre es 10.000 Jahre alt. Bier erhielt man, indem man Gerstenbrot in Wasser einweichen ließ. Die Sumerer kannten bereits ein Dutzend verschiedener Biersorten. Die Babylonier erweiterten die Palette noch um mindestens 34 verschiedene Biere. Etwas später betrieben die Ägypter bereits veritable Staatsbrauereien, da man Bier zum Monopol erklärt hatte. Diese «Gerstenweine» dienten zuerst als Opfergaben. Pharao Ramses II., der als Beinamen die Bezeichnung «Braupharao» führte, erließ sehr strenge Vorschriften im Zusammenhang mit diesem Gebräu. .
Etwa um 5.000 bis 4.800 v. Chr. gelangte das Bier über zwei Routen nach Europa: über die Donau (Osteuropa) und über das Mittelmeer (Südfrankreich). Entgegen der geläufigen Annahme ist Bier bereits sehr früh in Griechenland und Rom gebraut und getrunken worden, bevor es dann allerdings dem Wein weichen musste. Wenngleich die Römer mehr dem Wein zuneigten, hinderte es sie nicht daran, Bier zu schätzen, besonders in den nördlichen Provinzen, die für den Anbau der Gerste besser geeignet waren als für jenen der Reben. In einer gallorömischen Villa ist man denn auch die Überreste einer Brauerei aus dem 3. oder 4. Jh. gestoßen. Bei unseren Vorfahren, den Galliern, wird der Gerstensaft zu Hause hergestellt, vor allem von den Frauen. Sie waren es, die die Tonbehälter durch Holzfässer ersetzen, deren Erfinderinnen sie waren. Das Malz nannten sie «brace», das den Wörtern Braukessel, Brauer, ¿ zugrunde liegt. .
Nach dem Untergang des römischen Reichs gewinnt die Kirche die Kontrolle über die Ländereien. Die Mönche interessieren sich für dieses Getränk, und in allen Abteien scheint eine Brauerei betrieben worden zu sein. Gebraut wird auch in Herbergen, Schlössern sowie in Heim und Haus.

Im Mittelalter

Selbst nach der Invasion der Barbaren ist das Brauwesen aus unseren Breitengraden nie verschwunden. Seit dem 7. und 8. Jh. konsumieren die ersten Mönchsgemeinschaften Bier, das bereits damals ein beliebtes Getränk war. Zu jener Zeit lebten die Mönche wie das Volk, wenn auch etwas außerhalb des Volkes. In der Gegend der Maas scheint die erste bekannte Brauerei die der Grand-Axe gewesen zu sein, über die wir eine schriftliche Urkunde aus dem Jahr 805 besitzen.
Wie wir gesehen haben, verfügten die ersten belgischen Abteien bereits über eine eigene Brauerei. Dies ist gilt auch für Villers-la-Ville, wo sich im Jahr 1146 die ersten Mönche ansiedelten. Sie errichteten dort eine riesengroße Abtei, indem sie sich an der Architektur von Cîteaux (Mutterkloster der Zisterzienser) orientierten. Zu dieser Epoche schließen sich die Handwerker zu Zünften zusammen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, durch den Erlass strenger Regeln über die Qualität der Produkte und den Respekt der Traditionen zu wachen.
Im 14. und 15. Jh. vermehren sich die Brauereien, und Bier avanciert zum volkstümlichen Getränk. Damals wurde empfohlen, lieber Bier zu trinken, bei dessen Erzeugung krankmachende Keime eliminiert wurden, als Wasser, das häufig verseucht war und zur Verbreitung der Pest- und Choleraepidemien beitrug.
Die Renaissance im 16. Jh. war das goldene Zeitalter der Bierbrauer. Ihre Zunft war sehr wohlhabend. In Brüssel kaufen die Bierbrauer der verarmten Polsterer-Zunft ihr Zunfthaus «Arbre d¿or» ab, das heutige «Maison des Brasseurs» an der Grand-Place. Sie restaurieren und verschönern es im 17. Jh. Nach dessen Zerstörung bei der Bombardierung Brüssels durch Marschall de Villeroy wurde es bald darauf im 18. Jh. mit großem Aufwand wieder aufgebaut, und zwar mit der Giebelfassade, die man heute noch bewundern kann. Nach dem Verkauf durch die französischen Revolutionäre wurde es erst 1954 nach zahlreichen Nutzungsänderungen wieder zum «Maison des Brasseurs».

Vom 17. Jh. bis zum Zweiten Weltkrieg

Im 17. Jh. tauchen in unserer Region zahlreiche unterschiedliche Biere auf. Sie zeichnen sich durch die verwendeten Zutaten wie durch die Qualität des Brauchwassers aus. Die kleinen Brauereien blühen auf. Da es noch keine Konservierungsverfahren gibt, besitzt jedes Dorf seine eigene Brauerei. Die Französische Revolution gegen Ende des 18. Jh. war für unsere Brauereitradition alles andere als günstig. Neben der Zerschlagung der Bierbrauerzunft wurden ebenfalls zahlreiche Klöster und Abteien zerstört, was das Ende zahlreicher Brauaktivitäten bedeutete. Mit Napoleons Erscheinen wird es möglich, die Brauereitätigkeit im Rahmen eines allgemeinen Wirtschaftsaufschwungs neu zu starten. Diese Tätigkeit bleibt nicht mehr nur den Mönchen vorbehalten, sondern entwickelt sich zu einem wirklichen Industriezweig.
Die Entdeckungen von Louis Pasteur (1822-1895) gegen Ende des 19. Jh. im Zusammenhang mit den Hefen und der Lebensmittelkonservierung durch die «Pasteurisierung» verleihen den Brauereien vorübergehend einen neuen Auftrieb.

Diese Entdeckungen bilden auch die Grundlage für eine bessere Bierqualität, sowohl im Hinblick auf Geschmack (die verschiedenen Hefen führen zu unterschiedlichen Geschmacksrichtungen) wie auch auf Konservierung.
Um 1900 existieren in Belgien 3.223 registrierte Brauereien, darunter die Brauerei Wielemans in Forest (Brüssel), die auf europäischer Ebene als größte und modernste gilt. Ebenfalls in Brüssel wurde 1886 in der Großen Brauerei in Koekelberg das erste Bier mit Niedrigfermentierung (Pils) gebraut.
Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Anzahl der Brauereien beträchtlich zurück. 1920 existierten nur noch 2.013. Weil Facharbeiter und Zutaten fehlen, ist eine Produktion unmöglich geworden. Brauereien, die ihren Betrieb wieder aufnahmen, mussten auf Maschinenbetrieb umstellen. In den 30er Jahren verschlimmert sich die Lage, und durch den Zweiten Weltkrieg sank die Zahl noch weiter zurück. Resultat: 1946 bestehen in Belgien nur noch 755 Brauereien.

Vom Zweiten Weltkrieg bis heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg geht die Zahl der Brauereien weiter zurück, wobei die kleinen aufgegeben haben oder von den größeren aufgekauft wurden. 1983 werden nur noch 134 Brauereien betrieben.
Heutzutage sind auf dem Gebiet der Bierproduktion zwei Tendenzen vorherrschend: global gesehen die bedeutenden Fusionen von großen Brauereigruppen, regional gesehen die Renaissance kleiner und mittelgroßer Brauereien, die unterschiedliche und qualitative Produkte im Zusammenhang mit der Region entwickeln. Heute gibt es in Belgien etwa hundert Brauereien mit einem Sortiment von rund 500 unterschiedlichen Erzeugnissen.

Und nun Prost !

Ich danke meinem Gastdozenten Ulrich von Ende dafür,

dass er diesen Kurzvortrag und das er das Seminar damit erfolgreich fortgeführt habe !!!

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